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Jede Geschichte zählt. Jede Stimme verdient Gehör.

Menschen, die mit medizinischem Cannabis behandelt werden, teilen hier ihre Erfahrungen. Über Lebensqualität, Herausforderungen und die Auswirkungen aktueller Entwicklungen auf ihre Versorgung.

Geschichte erzählen

Warum wir diese Plattform geschaffen haben

Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Für viele Patientinnen und Patienten war der Weg zu einer medizinischen Cannabistherapie lang, geprägt von Schmerzen, Einschränkungen, zahlreichen Behandlungen und der Suche nach einer Therapie, die ihnen wirklich hilft.

Diese Geschichten verdienen es, erzählt zu werden. Denn sie zeigen, was Zahlen und politische Debatten oft nicht vermitteln können: den Alltag der Menschen, ihre Herausforderungen, ihre Hoffnungen und die Bedeutung einer funktionierenden medizinischen Versorgung.

Mit dieser Plattform schaffen wir einen Ort, an dem Betroffene ihre Erfahrungen teilen können. Offen, ehrlich und authentisch. Jede Geschichte trägt dazu bei, Verständnis zu fördern, Vorurteile abzubauen und den Menschen hinter der Therapie sichtbar zu machen. Denn am Ende geht es nicht nur um Medizin, sondern um Lebensqualität, Würde und die Möglichkeit, ein selbst bestimmtes Leben zu führen.

J. 55 Jahre, Cannabispatient*in

Ich bin 1971 geboren, habe progrediente MS, bin zu 80% auf einen Rollstuhl angewiesen und seit 6 Jahren verdampfe ich offiziell.

Meine Diagnose habe ich 2014 bekommen (hatte es wohl schon ca. 10 Jahre) und da habe ich schon gewusst, was ich am Cannabis habe. Die Basistherapie habe ich abgelehnt.

Ich habe eine sehr lange Historie mit Cannabis. In den letzten 30 Jahren war ich nicht einen einzigen Tag ohne und bin trotzdem nicht abgerutscht, stehe voll im Leben, habe, soweit es mir kräftemäßig möglich ist, meine Hundeschule am Laufen gehalten.

Dokumentation über die Nutzung von Cannabisblüten und deren Wirkung:

Der Tag beginnt oft mit Wadenkrämpfen oder auch Spastiken in den Beinen, die versteifen sich völlig und das Aufstehen fällt mir sehr schwer. Tätigkeiten, wie sich anziehen, waschen, Zähneputzen, etc. alles ist begleitet von gelegentlichen Versteifungen der Muskeln und leider auch Schmerzen.

Vormittags beginne ich mit einer leichten Sorte, die aber nicht sedierend wirkt.

Je nachdem, wie sich der Rest des Tages gestaltet, bleibe ich entweder dabei. Am Ende des Tages steige ich auf Bedrocan um, damit ich besser schlafen kann. 

Dieses wirkt sedierend und entspannt mich, so komme ich ohne Unterbrechung durch die Nacht.

Meldet sich jedoch mein Restless Leg, was leider nicht selten vorkommt, dann benötige ich unbedingt eine sehr starke Sorte, die mich müde macht und eher inaktiv, gleichzeitig aber auf keinen Fall eine sedierende Wirkung hat. Denn sobald ich etwas zur Beruhigung nehme, wird das Bein aktiver. Je aktiver ich bin, je ruhiger ist das Bein, und da reicht es auch manchmal, sich die ganze Nacht lang in kreative Dinge zu stürzen, bis ich vor Müdigkeit umfalle. 

Habe ich keine starke, passende Sorte, treibt mich das zappelnde Bein regelrecht in den Wahnsinn und es kann sich manchmal bis zu vier fünf Nächte hinziehen, dass ich keinen Schlaf finde. Gelegentlich zeigt sich dieser Tick auch in meinem linken Arm. Glücklicherweise ist es sehr lange her, dass das RLS vorgekommen ist, denn ich habe mittlerweile für mich herausgetüftelt, welche Cannabisblüten sich da am optimalsten einsetzen lassen.

Eine starke Sorte eignet sich auch prächtig, wenn ich diese unerklärlichen Gefühlsstörungen habe, Kribbeln, Schmerzen in den Gelenken oder Knochen, die ich auf kein Ereignis zurückführen kann, sich aber so anfühlen, als hätte ich mich gerade eben schwer geprellt. Dieses Ziehen kann ich wunderbar damit beheben.

An dieser Stelle wäre vielleicht noch zu betonen, dass keine Schmerztablette so schnell wirkt, wie das Verdampfen der Blüten

Das Verdampfen der Blüten ermöglicht mir, die Wirkung zeitlich punktuell einzusetzen, damit meine ich nicht nur, wie schnell es wirkt, sondern auch, dass ich es in der Hand habe, wann die Wirkung nachlässt oder ich sie nicht mehr brauche.

Ich neige dazu mich zu verschlucken. Wenn ich gut eingestellt bin für den Tag, kommt das so gut wie gar nicht vor. Wenn ich aus irgendwelchen Gründen länger nicht dazu gekommen bin, zu verdampfen, dann merke ich es beim Sprechen und Trinken.

Auch meine Gehfähigkeit hängt davon ab.

Die MS hält immer neue Überraschungen bereit. Es gibt viele kleine Macken, denen ich mit meinen Blüten etwas entgegenhalten und gelassener entgegensehen kann.

Völlig unverzichtbar ist das Verdampfen von Blüten für mich, wenn ich einen Schub habe, dann kommt alles zusammen.

Ich bin der Meinung, dass ich ohne die Blüten öfter Schübe hätte. Ich halte die naturgegebene biologische Effizienz der Zusammensetzung aller Bestandteile einer Blüte für nicht ersetzbar durch synthetisch nachempfundene Ersatzmittel und ich befürchte eine Verschlechterung meines Verlaufes und meiner Lebensqualität.

Nun stehe ich vor der Wahl:

Mein Zuhause verkaufen, das ich lange und mit vielen Entbehrungen verbunden erarbeitet habe, um die Therapie privat zahlen zu können, oder Verzicht darauf, um in meinem Haus ein Pflegefall zu werden. Sozialer Abstieg oder gesundheitliche Abstieg…

E. 39 Jahre, Cannabispatient*in

Medizinisches Cannabis ist das Einzige, das bei mir wirkt und mir hilft, ohne dass ich Nebenwirkungen erleiden muss. Ich inhaliere es durch einen Vaporizer, manchmal auch in Form eines Joints, und es hilft mir extrem gegen meine Nervenschmerzen.

Ich leide unter Borreliose und habe zusätzlich durch mehrere Operationen am Kopf chronische Nervenschmerzen im Bereich des Nervus trigeminus. 

Seit circa 2021 erhalte ich medizinisches Cannabis, welches ich immer vollständig selbst bezahle. 

Ich belaste somit den Staat nicht. Sobald ich mein medizinisches Cannabis einnehme, kann ich wieder am Leben teilnehmen, arbeiten gehen, Sport machen und den Alltag wie gesunde Menschen schmerzfrei bewältigen.

Ein erneutes Verbot wäre für mich und viele andere Betroffene eine absolute Katastrophe

F. 34 Jahre, Cannabispatient*in seit 2018

Zu Beginn meiner Therapie 2018 kostete ein Gramm Blüten hier in der Apotheke 14 €, was damals schon relativ günstig war, im Vergleich zu den meisten anderen Apotheken. Dies galt hier auch nur für die Sorte Bedrocan. 

Zu dieser Zeit war ich über das Jobcenter von einem Amtsarzt per Gutachten als arbeitsunfähig eingestuft. Damals waren nicht mal 2 Stunden pro Tag möglich. 

Das war der Grund für den Einstieg in eine Medikation. 

 Im April 2019, etwa 5 Monate nach dem Start der Therapie, wurde mir dann endlich das erste offizielle Rezept von einem niedergelassenen Kassenarzt ausgestellt. 

Damals 5g Bedrocan. 

Mir war wichtig, dass alles LEGAL ist, es wurde aber leider schnell klar, dass dies nicht bezahlbar für mich ist. 

So stellte ich einen Antrag auf Kostenübernahme im Februar 2019, welcher natürlich direkt abgelehnt wurde. Der Widerspruch zog sich dann noch knapp 9 Monate bis ich Ende 2019 die Klage vor dem Sozialgericht angestrebt habe. 

Das Verfahren vor dem Sozialgericht Münster zog sich ewig hin. 

Man muss hier erwähnen, der Erste Versuch eines Antrages war von vorn herein zum Scheitern verurteilt, da dieser unvollständig war. Der damals behandelnde Arzt war der Auffassung die Kasse würde alles Nötige einfordern.

Der 2. Antrag war in Vollständig, es hat nichts gefehlt.

Cannabisblüten im Alltag bedeuten für mich, SELBSTBESTIMMTES LEBEN. 

Ohne die Blüten, habe ich extreme Schwierigkeiten, den normalen 

Tag-/Schlafrhythmus meiner Familie einzuhalten, kann kaum einen Gedanken oder eine Handlung zu Ende bringen, weil ich entweder den roten Faden verliere oder von etwas abgelenkt werde, das mich dann wieder kurzzeitig einnimmt, bis der Vorgang sich wiederholt und ich am Ende des Tages vor 1000 halb abgearbeiteten Problemen oder Aufgaben stehe.

Ich habe nun in meinem Leben zwei Mal die Hölle der Nebenwirkungen von Medikinet, Strattera und Elvanse über mich ergehen lassen, um die Kostenübernahme bekommen zu können. Ich habe wirklich Sorge davor, wie es nächsten Monat weiter gehen soll. 

Fazit meinerseits: 

Ohne Cannabis bin ich ein unreflektierter, unsympathischer, unaufmerksamer, hyperaktiver und hypernervöser Vater, der andauernd Termine oder Absprachen nicht einhalten kann. Sich Dinge nicht merken kann, Aufgaben und Abläufe nicht zu Ende bringt, impulsiv reagiert und sich eigentlich 1000 Mal am Tag bei seinen Kindern entschuldigen muss, weil Papa mal wieder keine Stütze oder Hilfe sein kann, da er zu sehr mit sich selbst und den eigenen Dämonen beschäftigt ist. 

All das hat mich so vieles in meinem Leben gekostet. Ich habe so vieles verloren oder verpasst, vor allem in Bezug auf meine Kinder. 

Ich könnte hier noch so viel mehr schreiben, es ist in den letzten 5 Jahren seit der Medikation mit Cannabisblüten in meinem Leben so viel Positives passiert, ich habe so viele Dinge erreicht, die ich ohne eine stabile Medikation niemals erreicht hätte.

M. 55 Jahre, Cannabispatient*in

Ich bin 55 Jahre alt und leide seit vielen Jahren unter schweren chronischen Erkrankungen. Dazu gehören Fibromyalgie, chronische neuropathische Schmerzen, sensomotorische Polyneuropathien sowie mehrere Bandscheibenschäden. Aufgrund meiner Erkrankungen bin ich seit vielen Jahren voll erwerbsgemindert.

Bevor ich Cannabis verschrieben bekam, lagen viele Jahre mit unzähligen Therapieversuchen hinter mir. Medikamente wie Tilidin, Lyrica oder Palexia konnten meine Schmerzen entweder nicht ausreichend lindern oder verursachten erhebliche Nebenwirkungen. Ich habe Cannabis nicht gewählt, weil ich Cannabis wollte – ich habe Cannabis verschrieben bekommen, weil nahezu alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft waren.

Seit 2017 werde ich mit medizinischen Cannabisblüten behandelt. Die Therapie wurde nach sorgfältiger Prüfung von meiner Krankenkasse genehmigt und wird seitdem kontinuierlich ärztlich begleitet.

Cannabisblüten haben meine Erkrankungen nicht geheilt. Aber sie haben mir etwas zurückgegeben, das ich schon verloren glaubte: Lebensqualität.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte ich wieder besser schlafen, meine Schmerzen wurden erträglicher und ich war wieder in der Lage, meinen Alltag, zumindest teilweise, zu bewältigen. Für gesunde Menschen mögen das selbstverständliche Ding sein. Für chronisch Schmerzkranke bedeuten sie ein Stück Würde und Selbstständigkeit.

Für mich ist die inhalative Anwendung medizinisch unverzichtbar. Sie wirkt innerhalb weniger Minuten und ermöglicht es mir, die Dosierung an die jeweilige Schmerzintensität anzupassen. Gerade bei starken Schmerzspitzen ist dieser schnelle Wirkungseintritt entscheidend. Mit Ölen oder anderen oralen Präparaten konnte ich diese zuverlässige Steuerbarkeit nie erreichen.

Deshalb macht mir die geplante Streichung der Kostenübernahme für Cannabisblüten große Angst.

Es geht dabei nicht um den Wunsch nach einer bestimmten Darreichungsform oder um persönliche Vorlieben. Es geht um die einzige Therapie, die mir nach vielen Jahren des Leidens tatsächlich hilft.

Als Bezieher einer Erwerbsminderungsrente könnte ich die monatlichen Kosten einer Cannabisblütentherapie niemals selbst finanzieren. Sollte die Kostenübernahme entfallen, würde meine erfolgreiche Behandlung nicht aus medizinischen Gründen enden, sondern ausschließlich aus finanziellen.

Oft wird argumentiert, Cannabisblüten seien nicht ausreichend standardisiert. Meine Erfahrungen sprechen dagegen. Jede Charge, die ich aus der Apotheke erhalte, ist laborgeprüft und weist exakt dokumentierte THC- und CBD-Gehalte aus. Auf dieser Grundlage konnten meine behandelnden Ärzte meine Therapie über Jahre erfolgreich einstellen.

Ich wünsche mir keine Sonderbehandlung.

Ich wünsche mir lediglich, dass auch künftig Ärzte gemeinsam mit ihren Patientinnen und Patienten über die medizinisch geeignete Therapie entscheiden können – und nicht eine pauschale gesetzliche Regelung.

Hinter jeder gesetzlichen Entscheidung stehen Menschen.

Ich bin einer von ihnen.